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Verdauung, Verdauungstrakt des Pferdes

Verdauungstrakt des Pferdes (Teil 3): Vom Pförtner zum Äpfeln

Die Verdauung ist im letzten und wichtigsten Abschnitt angekommen. Wie im Teil 2 „Vom Maul zum Magen“ beschrieben, ist der gut eingespeichelte und durchgekaute Futterbrei mithilfe des Magensaftes ausreichend durchsäuert worden. Dieser Futterbrei wartet am Magenausgang, auch „Magenpförtner“ genannt, darauf, vom Magen in den Darm für die eigentliche Verdauung entlassen zu werden.

Der Darm hat zwei große „Abteilungen“ mit unterschiedlichen Aufgaben: Nach dem Magen folgt der Dünndarm, in dem Nährstoffe freigesetzt und aufgenommen werden; auf den Dünndarm folgt der Dickdarm, der aus bisher unverdautem faserreichem Material Energie gewinnt.

 

Der Dünndarm

Der Dünndarm besteht aus 3 Abschnitten – Zwölffingerdarm, Leerdarm, und Hüftdarm– die wir im Folgenden einzeln anschauen werden.

Der Dünndarm hat eine beachtliche Länge von ca. 10–30 m. Die Peristaltik des Dünndarms schiebt den Nahrungsbrei mit ca. 35 cm pro Minute voran, weitgehend unabhängig von der Art des aufgenommenen Futters.

Der Zwölffingerdarm

Der erste Abschnitt des Dünndarms ist der 1 m lange Zwölffingerdarm, in dem Gallensaft aus der Leber mit Verdauungsenzymen aus der Bauchspeicheldrüse und dem Dünndarm selbst vermischt wird. Gallensaft ist ein alkalisches (pH > 7) Gemisch bestehend aus Gallensäuren, Cholesterin und Lecithin. Die Aufgabe des Gallensaftes ist es, die Nahrung zu emulgieren (= Vermischen zweier nicht mischbarer Komponenten), Giftstoffe zu binden und zu entfernen sowie Glucose-Fette in freie Fettsäuren aufzuspalten. Das Gallensaft-Verdauungsenzym-Gemisch zerlegt noch nicht zersetzte Eiweiße in Aminosäuren und Kohlenhydrate (Stärke, Mehrfachzucker) in Glucose (Einfachzucker). Aminosäuren und Glucose werden durch die Dünndarmwand in den Blutstrom aufgenommen (= absorbiert) und stehen als Energiequelle zur Verfügung. Nicht verwendete Glucose wird in Form von Glykogen in Leber und Muskulatur gespeichert.

Beachte: Das Pferd besitzt keine Gallenblase, dennoch produziert es täglich etwa 6 Liter Gallensaft, und zwar in seiner Leber.

Der Leerdarm

Den zweiten Teil des Dünndarms haben Pathologen Leerdarm genannt, weil dieser Darmteil postmortal (= nach dem Tod) meist leer ist. Ein weiterer Name ist „Knurrdarm“, denn das sog. „Magenknurren“ entsteht gar nicht im Magen, sondern durch Luftgeräusche im Leerdarm.

Alle Haussäugetiere besitzen ein in Schlingen angelegtes Jejunum, wenn auch unterschiedlich ausgeprägt. Zwar besitzen die Schlingen des Leerdarms eine erstaunliche Beweglichkeit und verändern dadurch immer wieder ihre konkrete Position, dennoch findet sich der Großteil der Schlingen im linken dorsalen Bereich des Bauchraums. Mit etwa 19 m ist es der längste Bereich des Dünndarms. Wie im Zwölffingerdarm wird der Nahrungsbrei chemisch weiter zersetzt und die gewonnenen Nährstoffe in den Blutkreislauf aufgenommen.

Der Hüftdarm

Der Hüftdarm, auch Krummdarm genannt, ist der letzte und kürzeste Teil des Dünndarms, in dem die Absorption von Nährstoffen fortgesetzt wird: in erschlafftem Zustand besitzt er eine Länge von etwa 70 cm, bei Kontraktion der ausgeprägten Ringmuskulatur nur noch ca. 20 cm. Auch der Innendurchmesser ist klein, somit ist das Ileum eine echte Engstelle für die nur teilweise verdaute Nahrung. Es verläuft „von links-ventral nach rechts-dorsal und mündet durch eine Öffnung in der Wand in die kleine Kurvatur des Blinddarmkopfes“. Nachdem der Speisebrei ca. 30 min im Ileum verweilt hat, wird er in den Dickdarm abgegeben. Mittlerweile enthält er nur noch Ballaststoffe und Wasser.

Kurz zusammengefasst: Der Dünndarm ist der Teil des Verdauungstraktes, in dem die meisten Nährstoffe, u. a. Proteine, einfache Kohlenhydrate, Fette, Mineralstoffe (z. B. Kalzium, Phosphor) und lebenswichtige Vitamine (z. B. Vitamine A, B, D, E und K) gewonnen und durch die Dünndarmwand in den Blutkreislauf aufgenommen werden. Rohfaser wie Zellulose kann im Dünndarm nicht abgebaut werden, sondern wandert als Ballaststoff weiter in den Dickdarm.

 

Der Dickdarm

Der Dickdarm ist etwa 8 m lang und hält ein Volumen von knappen 130 Litern. Er ist Sauerstoff-frei und gliedert sich ebenfalls in 3 Bereiche: den Blinddarm, den Grimmdarm und den Mastdarm. Im Gegensatz zu Wiederkäuern, die Rohfasern (siehe unten) durch Wiederkäuen „prä-gastrisch“ (also „vor dem eigentlichen Magen“) durch Fermentation aufschließen, sind Pferde „post-gastrische Fermentierer“: schwer verdauliche Zellulose und Hemicellulose werden im Dickdarm über zwei bis drei Tage mikrobiell fermentiert, also durch Milliarden von Mikroorganismen (Bakterien und Protozoen) abgebaut. Die dabei u. a. entstehenden flüchtigen, hochverdaulichen Fettsäuren (Essig-, Milch- und Propionsäure) werden in den Blutkreislauf aufgenommen und liefern bis zu 70 % der Energie einer Futterration.

Der Blinddarm

Aber zurück zum Anfang des Dickdarms. Dort befindet sich der Blinddarm, der durch die ‚Hüftdarm-Blinddarm-Falte‘ mit dem Hüftdarm verbunden ist. Von der Seite betrachtet ist der Blinddarm ein kommaförmiger, spitz-zulaufender Sack von ca. 1 m Länge und einem durchschnittlichen Fassungsvermögen von rund 30 Litern; das Fassungsvermögen kann bis zu 68 Liter erreichen. Charakteristisch sind die aus Längsmuskulatur bestehenden Bandstreifen. Der Blinddarm zieht sich von der rechten Flanke bis hin zum Brustbein des Pferdes. In sich ist der Blinddarm wiederum drei-gegliedert in Kopf, Körper und Spitze.

Mithilfe körpereigener Mikroorganismen (unterschiedliche Arten von Bakterien und Protozoen) werden in 15–24 Stunden bisher „unverdauliche“ Nahrungsbestandteile, die Rohfasern, aufgeschlossen und verdaut. Rohfaserhaltige Futtermittel sind hauptsächlich Gras, Laub, Heu, Stroh, Rüben, Kleie und Silage. Die verdaulichen Bestandteile von Rohfasern sind:

a) Zellulose: Dies ist der Hauptbestandteil pflanzlicher Zellwände mit einem Massenanteil von rund 50 %; chemisch ist es der am häufigsten vorkommende Vielfachzucker (Polysaccharid).

b) Hemicellulose: Dies ist ein Sammelbegriff für Gemische von Vielfachzuckern. Hemicellulose ist ebenfalls Bestandteil pflanzlicher Zellwände und bildet einen Teil der Stütz- und Gerüstsubstanz von Zellwänden; sie macht etwa 25 – 33 % der Pflanzenmasse aus.

c) Pektin: ist ebenfalls ein pflanzliches Polysaccharid (Vielfachzucker), besteht aber aus anderen Basiseinheiten als Cellulose.

Die spezifische Zusammensetzung der körpereigenen Mikroorganismen im Blinddarm stellt sich mit der Art des Futters ein, das ein Pferd für gewöhnlich erhält.

Der Grimmdarm

Dem Blinddarm folgt der Grimmdarm (lat. Colon), eine weitere Gärkammer. Der größere Teil des Grimmdarms, das Colon ascendens, ist ca. 3–4 m lang und besitzt ein Fassungsvermögen von etwa 80 -100 Litern; aufgrund dieser massiven Größe wird der große Grimmdarm auch Colon crassum genannt. Um trotz der Größe Platz in der Bauchhöhle zu finden, ist das Colon ascendens in zwei hufeisenförmigen Schleifen übereinandergelegt. Im großen Colon finden sich nur mehr Bakterien. Diese lösen aus den unverdauten Resten Vitamin K und B-Vitamine (z. B. das hufhornbildende Biotin) heraus und bilden Vitamin C; dadurch ist das Pferd weitgehend unabhängig von externer Vitaminzufuhr über das Futter.

Nachdem das Colon ascendens gegen Ende hin noch eine magenähnliche Erweiterung bildet, geht es via dem quer verlaufenden Colon (lat. Colon transversum) über in den kleinen Grimmdarm, Colon descendens, wobei „klein“ immerhin ca. 3 m Länge bedeuten. Hier werden weitere zuvor unverdauliche Futterbestandteile mikrobiell aufgeschlossen und Nährstoffe durch die Darmwand absorbiert. Außerdem wird durch Wasserentzug das verbliebene Nahrungsreste eingedickt. Mit dem Wasser können auch größtenteils die zusammen mit den Verdauungssekreten abgegebenen Elektrolyte und Mineralstoffe resorbiert werden.

Wie der Blinddarm besitzt das kleine Colon charakteristische kräftige Bandstreifen (lat. Taenien) und Falten (lat. Poschen). In diesen Falten beginnt die Kotformung des eingedickten verbliebenen Nahrungsrestes.

Der Mastdarm

Nach 18–20 Stunden erreichen die Nahrungsreste schließlich den Mastdarm, dem 20–30 cm kurzen Ende (darum auch Enddarm genannt) des Dickdarms. Im Mastdarm bleiben die nicht verwertbaren Nahrungsreste etwa 1–2 Stunden und werden durch die Darmmotorik in die uns vertrauten Pferdeäpfel geformt, die dann durch den Anus – einem weiteren Sphinktermuskel – ausgeschieden werden. Im Durchschnitt äpfelt ein gesundes Pferd 8–10 Mal am Tag und scheidet in etwa 2 % seines Körpergewichtes als glänzenden, nicht unangenehm riechenden Kot aus.

 

Das Wichtigste zur Verdauung im Überblick

Von der Nahrungsaufnahme bis zur Ausscheidung benötigt eine Futterration in etwa 3,5. Tage. Das Allerwichtigste:  Pferde sollten möglichst oft nur kleine Portionen fressen, die sie KAUEN, KAUEN und nochmals KAUEN müssen, um ausreichend Speichel für eine gute Verdauung zu produzieren.

Mit Deinem jetzigen Wissen kannst Du die Fütterung Deines Pferdes überprüfen:

  1. Es sollte keine Fresspausen von mehr als max. 4 Stunden geben: Am besten sollte Futter ad libitum, also rund um die Uhr, zur freien Verfügung vorhanden sein. Damit Dein Pferd in kleinen Portionen knabbern kann, verwende z. B. Heunetze.
  2. Füttere überwiegend rohfaserreiches Material:Rohfaserreiches Futter sind Gras und Heu. Idealerweise wird nach der Blüte geerntet und das Heu gut abgelagert. Abhängig von Rasse, Arbeitspensum und Saison benötigt ein Pferd durchschnittlich zwischen 1,5 und 2,5 kg Heu/Raufutter pro 100 kg Körpergewicht.
  3. Erinnere Dich: rohfaserreiches Futter ist zugleich schwer verdauliches und energiearmes Futter

Sei daher zurückhaltend mit Zusatzfutter

  1. Äpfel, Bananen und Birnen sind zwar beliebte Leckerlies bei Pferden, können aber im Magen oder Darm nachgären und Koliken verursachen.
  2. Kraftfutter enthält nur wenig Rohfaser, ist schnell verdaulich und sehr energiereich. Daher kann zu viel Kraftfutter dem Pferd auf lange Sicht schaden.
  3. Je nach Bedarf kannst Du Deinem Pferd mit Kräutern und Vitalpilzen helfen, z. B. um den Darm zu unterstützen und damit das Immunsystem zu stärken oder auch im Fellwechsel.
  4. Halte folgende Nahrungsmittel von Deinem Pferd fern: Nachtschattengewächse wie Kartoffel, Tomaten, Paprika. Vor allem Stängel und Blätter sind giftig.
  5. Erwachsene Pferde können Milchzucker (Laktose) nicht verarbeiten – damit kamen Wildpferde in freie Wildbahn auch nicht in Berührung. Darum keine Milchprodukte füttern.
  6. Zuckerhaltige Leckerlies wie Schokolade, Eis, etc. bringen die Verdauung durcheinander.
  7. Kohlgemüse bläht sehr, bei einem Fermentierer mit vielen Windungen und Engstellen im Verdauungssystem ist das besonders unvorteilhaft.

Wow, geschafft. Ganz schön viel Wissen, das Du Dir angeeignet hast. Respekt! Jetzt wirst Du leichter nachvollziehen können, wie Verdauungsstörungen entstehen – und damit befasst sich der nächste Blogpost.

 

Weiterführende Links:

https://flexikon.doccheck.com/de/Ileum_(Pferd)
http://www.tierwissen.de/artikel/pferde/verdauung-magen-darm-beim-pferd.shtml
https://de.wikipedia.org
https://flexikon.doccheck.com
https://herzenspferd.de/pferdefuetterung
https://practicalhorsemanmag.com/health-archive/architecture-of-the-equine-digestive-system-11756
https://www.chemie.de/lexikon
https://www.dr-susanne-weyrauch.de
https://www.netdoktor.de
https://www.pferdchen.org/Pferde/Anatomie/Verdauungsorgane.html
https://www.pferdefluesterei.de/verdauung-pferd
https://www.tierarztpraxis-zuck-ehrenfels.de