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Verdauungstrakt des Pferdes (Teil 2): Vom Maul zum Magen

Nachdem wir einzelne Fakten zur Verdauung kennengelernt haben, stellt sich die Frage: wie funktioniert jeder einzelne Bereich? Und wie ist das Zusammenspiel der verschiedenen Abschnitte? Schauen wir uns in diesem zweiten Blogpost einmal die einzelnen Stationen eines Grashalms an, wenn ein Pferd ihn mit den Lippen pflückt, und er in den Magen wandert.

 

Das Maul

Der Beginn ist zugleich einer der wichtigsten Schritte bei der Verdauung: das Kauen. Pferde benutzen ihre beweglichen und kräftigen Lippen, um Grashalme und Kräuter zu selektieren und zu sammeln, bevor sie diese mit den vorderen Schneidezähnen abschneiden und ins Maul aufnehmen. Dazu verwenden sie ihren exzellenter Geruchssinn, der um vieles besser ausgebildet ist als ihr Sehsinn.

Die Zunge bewegt das zerkleinerte Grün durchs Maul; dabei werden unerwünschte Bestandteile oder Fremdkörper geschickt aussortiert und der entstehende Nahrungsbrei in der Mundhöhle zunehmend eingespeichelt. Die komplette Pferdezunge wiegt beachtliche 1 bis 2 kg, und ist in etwa genauso lang wie der ganze Schädelknochen. Nebenbei: Die Zunge besitzt das dichteste Nervengeflecht außerhalb des Gehirns.

Pferde sind keine Wiederkäuer, dennoch zerkleinern sie ihre Nahrung mit ähnlichen rhythmischen Kauschlägen wie Kühe beim Wiederkäuen. Der Grund scheint einfach zu sein: „Pferde haben keine zweite Chance, schwer verdauliches noch einmal zu zerkleinern. Daher müssen sie gleich beim Fressen sehr gründlich kauen“, erklärt Marcus Clauss [1]. So kommen pro 1 kg Heu rund 2000 – 4000 Kauschläge zusammen.

Diese rhythmischen und gleichmäßigen Kaubewegungen regen u.a. Ohrspeicheldrüse (lat. Glandulae parotis), Unterkieferspeicheldrüse (lat. Glandulae mandibularis) und Unterzungendrüsen (lat. Glandulae sublinguales), zur Speichelproduktion an, um nur die 3 größten Speicheldrüsen zu nennen. Dabei produziert das Pferd bis zu 40 Liter Speichel pro Tag. Kleine Speicheldrüsen finden sich u. a. in den Lippen, in der Zunge und im weichen Gaumen [4].

Wichtig: anders als bei Hunden oder Menschen genügt nicht der reine Anblick von Nahrung, um die Speichelproduktion anzuregen. Bei Pferden wird der Speichel ausschließlich dann freigesetzt, wenn das Pferd auch tatsächlich kaut.

Und der Speichel ist essenziell, hält er Magen und Darm gesund und funktionsfähig. Allerdings nicht wegen Verdauungsenzymen im Speichel, denn im Gegensatz zu Menschen enthält der Pferdespeichel keine Verdauungsenzyme. Für Pferde hat dies andere Gründe:

Der Speichel enthält Bikarbonat: Dies ist ein einfach deprotoniertes Salz der Kohlensäure mit der Summenformel HCO3-. Bikarbonat-Ionen bilden mit Säuren sogenannte Bikarbonat-Puffer. Im Magen verhindert es so eine Übersäuerung. Wird zu wenig Speichel produziert, z. B. durch zu lange Fresspausen oder aufgrund zu geringer Kauarbeit (z. B. bei Kraftfutter), greift die überschüssige Salzsäure des Magensaftes die empfindliche Magenschleimhaut an. Magenentzündungen, Magengeschwüre sowie eine reduzierte Magen-Darm-Peristaltik sind die Folge.

Des Weiteren enthält der Speichel Schleimstoffe (Muzine), die einerseits ebenfalls die Magenschleimhaut schützen, andererseits den Futterbrei gleitfähig, locker und für die Verdauungsenzyme zugänglicher machen.

Wenn die hinteren Zähne (Prämolaren und Molaren) alles gut zermahlen haben, wird der Nahrungsbrei zu einem Ball geformt, auch Bolus genannt, und an die Speiseröhre abgegeben.

 

Die Speiseröhre (der Schlund)

Durch die 1,25 m bis zu 1,5 m lange Speiseröhre erreicht der Nahrungsbrei (lat. Chymus), den Magen, wobei der Kehldeckel verhindert, dass Teile des Nahrungsbreis in die Atemwege gelangen. „Das Abschlucken erfolgt im 30-Sekunden-Takt. […] Im Normalfall wird nur das abgeschluckt, was nicht länger als 16 Millimeter und im Durchmesser nicht größer als ein bis zwei Millimeter ist.“[2] Die Wand der Speiseröhre enthält glatte Muskulatur, die sich wellenförmig zusammenzieht (propulsive Peristaltik) und den Nahrungsbrei in den Magen hinunterbefördert.

„Unmittelbar vor dem Mageneingang befindet sich eine Erweiterung der Speiseröhre, in der Futterbissen etwa eine halbe Minute verbleiben. […] Von dieser „magenähnlichen Erweiterung aus wird das Futter in den Magen ‚geschleudert‘“, wie Dr. Dorothe Meyer [3] es formuliert.

Spannend ist noch zu wissen, dass die Peristaltik (= wellenförmiges Zusammenziehen) von Speiseröhre, Magen und Darm durch den Parasympathikus gefördert und durch den Sympathikus gehemmt wird. Entspannt sich das Pferd z. B. bei einer Masterson Method® Behandlung, wird der Parasympathikus aktiv und stimuliert auch die Verdauung.

 

Der Magen

Der Pferdemagen, ein L-förmiger Muskelsack, ist das Bindeglied zwischen der Speiseröhre und dem Zwölffingerdarm. Am Eingang des Magens findet sich ein kräftiger Schließmuskel, der sich bei gefülltem Magen anspannt und damit verhindert, dass Nahrungsbrei in die Speiseröhre zurückfließt. Das bedeutet zugleich auch, dass Pferde nicht erbrechen können: alles, was sie geschluckt haben, muss die gesamte Reise durch die Magen-Darm-Passage antreten, falls es nicht zuvor stecken bleibt und Probleme verursacht.

Der Pferdemagen besitzt nur ein Kompartiment. Er wird deshalb auch „einhöhliger Magen“ genannt und liegt zum größten Teil links im Brustbereich der Bauchhöhle, ist also noch von Rippen geschützt. Aufgrund der geschützten Lage des Pferdemagens in der Brusthöhle kann ein Tierarzt den Magen weder von außen noch vom Mastdarm ausgehend ertasten, sondern nur über eine Magensonde erreichen.

Mit einem Volumen von 8 bis 15 Litern ist der Pferdemagen eher klein im Verhältnis zur Größe eines ausgewachsenen Pferdes (nur etwa 10 % des Verdauungstraktes eines Pferdes) und im Vergleich zu anderen Tieren vergleichbarer Körpergröße.

Die Vorfahren unseres heutigen Pferdes konnten 15 bis 18 Stunden grasend über den ganzen Tag verteilt kleine Portionen Nahrung zu sich nehmen, folglich war ein großer Magen auch nicht nötig. Im Englischen werden Pferde deshalb auch als „trickle feeder“ bezeichnet, also als „Tröpfchen -Fresser“.

Der Magen kann in drei Bereiche mit unterschiedlichen Aufgaben untergliedert werden:

Der vorderste Bereich (kuppelförmiger Blindsack) ist drüsenlos; hier sind pflanzliche Enzyme und Bakterien aktiv, die den im Nahrungsbrei enthaltenen Zucker in Lactat umwandeln, sowie leicht verfügbare Kohlenhydrate, Fette und Proteine vorverdauen. Erreicht verkeimtes oder gar gärendes Futter den Blindsack, kann es durch diese bakterielle Vorverdauung „zu Gasbildungen bis hin zu Magenzerreißungen kommen“ [2]

Der mittlere, drüsenhaltige Bereich des Magens ist durch eine gezackte Grenzlinie vom vorderen Teil abgetrennt. An dieser Grenzlinie finden sich oft die ersten Anzeichen von Magengeschwüren.

In diesem zweiten Teil wird dem Futterbrei Magensaft zugemischt, welches bei einem sauren Milieu (pH < 3) für die Zersetzung der mit der Nahrung aufgenommenen Eiweiße (Proteine) verantwortlich ist.

Ist der Speisebrei nach 1 bis 5 Stunden gut zerkleinert und durchmischt am Magenausgang angekommen, wird er durch den „Magenpförtner“ entlassen. Der Magenpförtner ist ein ringförmiger Schließmuskel, der den Magen völlig abdichten kann und dadurch einen Vorwärts- wie einen Rückwärtsfluss des Nahrungsbreis verhindert.

Der Ausgangsbereich ist schleimhaltig und schützt dadurch den Dünndarm vor der Magensäure. Im nicht-sauren Milieu des Zwölffingerdarms verliert Pepsin seine proteolytische Aktivität (= seine Fähigkeit, Eiweiße abzubauen).

 

Zusammenfassung

Wie eingangs erwähnt, sind Pferde als Steppentiere evolutionär darauf ausgelegt, den ganzen Tag rohfaserreiche Steppengräser abzuweiden. Daher produziert der Pferdemagen 24 Stunden lang Magensäure in beachtlicher Menge: 5–10 Liter pro 100 kg Körpergewicht. Die Bildung der Magensaftmenge wird NICHT durch die Futtermenge/-pausen reduziert!

Das vegetative Nervensystem hingegen wirkt auf die Magensaftsekretion: bei Stress erhöht sich die Magensaftproduktion. Landet also keine Nahrung im Magen des Pferdes, wird die Säure nicht abgebaut, sondern greift nach und nach die Magenschleimhaut an und „verätzt“ sie – landläufig formuliert: Stress schlägt dem Pferd tatsächlich schnell und wahrhaftig auf den Magen. Nur ein gut eingespeichelter, durchgekauter Futterbrei kann mithilfe des Magensaftes ausreichend durchsäuert werden und diesen ohne Gärung verlassen, was Voraussetzung für eine gute Verdauung im Darm ist.

 

Wie es mit der Verdauung weitergeht …

…. kannst Du im 3. Artikel zur Verdauung bei gesunden Pferden, „Vom Pförtner zum Anus“ nachlesen.

 

 

Weiterführende Links und Literatur:

[1] https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/pferde-kauen-wie-wiederkaeuer
[2] https://www.mirelan.de/themenbereiche/pferde/anatomie-und-physiologie-des-verdauungssystems
[3] https://dressur-studien.de/physiologie-das-verdauungssystem-des-pferdes
[4] BUDRAS KD, RÖCKE S (1991): Atlas der Anatomie des Pferdes. Hannover: Schlütersche.

http://www.medizinfo.de
https://de.wikipedia.org
https://dressur-studien.de/physiologie-das-verdauungssystem-des-pferdes
https://flexikon.doccheck.com
https://pferdeernaehrung-bund.de/was-fressen-pferde
https://www.msd-animal-health-hub.co.uk/Healthy-Horses/Health/Feeding
https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/pferde-kauen-wie-wiederkaeuer